Ein Fuß wippt, Finger bewegen sich, jemand braucht einen vertrauten Gegenstand in der Hand. Was für Außenstehende nach Nervosität aussieht, kann eine wichtige Form der Selbstregulation sein. Warum Stimming auch bei einer Hochzeit seinen Platz haben darf und wie sich individuelle Lösungen finden lassen.
Eine Hochzeit ist vermutlich einer der wenigen Tage im Leben, an denen plötzlich erstaunlich viele Menschen darauf achten, was du mit deinen Händen machst. Beim Einzug sollst du möglichst entspannt aussehen, während der Trauung aufmerksam zuhören und beim Eheversprechen deinem Lieblingsmenschen tief in die Augen schauen. Beim Ringwechsel sollten deine Hände möglichst ruhig bleiben. Und irgendwo steht noch jemand mit einer Kamera, der diesen Augenblick für die nächsten 50 Jahre festhalten möchte. Ganz schön viele Erwartungen, findest du nicht?
Vielleicht drehst du deinen Ring am Finger, während du zuhörst. Vielleicht wippt dein Fuß, du reibst Daumen und Zeigefinger aneinander, streichst wiederholt über den Stoff deiner Kleidung oder bewegst deinen Oberkörper leicht vor und zurück. Möglicherweise bemerkst du diese Bewegungen selbst kaum. Vielleicht weißt du aber auch ganz genau, weshalb du sie brauchst.
Und dann sagt jemand: „Jetzt halt doch mal still!“ Ein Satz, der meistens gut gemeint ist. Schließlich sollst du dich entspannen, die Zeremonie genießen und auf den Hochzeitsfotos möglichst vorteilhaft aussehen. Dummerweise kann genau dieses Stillhalten zusätzliche Anstrengung bedeuten. Denn was Außenstehende als Unruhe wahrnehmen, kann für den betreffenden Menschen eine wichtige Möglichkeit sein, sich selbst zu regulieren. Das nennt sich Stimming. Und bevor wir jetzt anfangen, für die Hochzeit sämtliche Bewegungen wegzuorganisieren, möchte ich eine andere Frage stellen: Warum eigentlich?
Was ist Stimming überhaupt?
Der Begriff Stimming stammt aus dem Englischen und ist eine Kurzform von self-stimulatory behaviour, also selbststimulierendem Verhalten. Gemeint sind wiederholte Bewegungen, Geräusche oder andere Verhaltensweisen, die häufig eine sensorische oder emotionale Funktion erfüllen. Besonders bekannt ist Stimming im Zusammenhang mit Autismus. Es kommt aber keineswegs ausschließlich bei autistischen Menschen vor.
Vielleicht kennst du jemanden, der beim Telefonieren durch die Wohnung läuft, während einer Besprechung mit dem Kugelschreiber klickt oder beim Nachdenken ständig mit dem Fuß wippt. Auch solche Verhaltensweisen können Formen repetitiver Selbststimulation sein. Allerdings ist nicht jede wiederholte Bewegung automatisch Stimming im engeren Sinne. Entscheidend sind unter anderem die Funktion und die persönliche Erfahrung.
Bei autistischen Menschen können diese Bewegungen besonders ausgeprägt sein und eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Sinneseindrücken oder Gefühlen spielen. Stimming kann beispielsweise helfen, innere Anspannung zu regulieren, mit einer überwältigenden Umgebung umzugehen oder sich besser zu konzentrieren. Es kann aber auch Ausdruck von Freude und Begeisterung sein.
Und genau diesen letzten Punkt finde ich für Hochzeiten besonders interessant. Wir sprechen bei Stimming häufig über Überforderung. Dabei können auch wunderschöne Gefühle so intensiv sein, dass ein Mensch sie durch Bewegung verarbeitet. Eine Hochzeit ist schließlich nicht gerade für ihre emotionale Ereignislosigkeit bekannt.
Was die Wissenschaft über Stimming herausgefunden hat
Lange Zeit wurden repetitive Bewegungen bei autistischen Menschen überwiegend aus einer medizinischen Perspektive betrachtet. Sie galten als auffällige Verhaltensweisen, die möglichst reduziert werden sollten. Doch diese Sichtweise hat einen entscheidenden Schwachpunkt: Sie konzentriert sich auf das, was andere Menschen beobachten. Was die Bewegungen für die betreffende Person bedeuten, bleibt dabei leicht unbeachtet.
2019 hat ein Forschungsteam um Steven K. Kapp eine Untersuchung veröffentlicht, die genau diese Perspektive stärker berücksichtigt hat. Die Forschenden haben 32 autistische Erwachsene in Interviews und Fokusgruppen zu ihren Erfahrungen mit Stimming befragt. Dabei haben sie insbesondere untersucht, weshalb die Teilnehmenden stimmten, welche Bedeutung diese Verhaltensweisen für sie hatten und wie ihre Umgebung darauf reagierte.
Viele Befragte haben Stimming als hilfreiche Möglichkeit beschrieben, intensive Gefühle und Gedanken zu regulieren. Wiederholte Bewegungen konnten beruhigend wirken oder dabei helfen, überwältigende Sinneseindrücke zu verarbeiten. Gleichzeitig haben die Teilnehmenden von gesellschaftlichem Druck berichtet, diese Bewegungen zu unterdrücken.
Damit haben die Forschenden zwei zentrale Aspekte herausgearbeitet: Stimming kann eine wichtige Funktion für die Selbstregulation erfüllen. Und die Reaktionen anderer Menschen können darüber entscheiden, ob diese Verhaltensweisen offen gezeigt oder verborgen werden.
Die Studie ist qualitativ und mit 32 Teilnehmenden vergleichsweise klein. Sie erlaubt deshalb keine Aussagen darüber, wie häufig bestimmte Formen von Stimming in der gesamten autistischen Bevölkerung vorkommen. Ihr besonderer Wert liegt darin, dass autistische Erwachsene selbst zu Wort gekommen sind. Ihre Erfahrungen liefern einen wichtigen Gegenpol zu einer rein äußerlichen Bewertung ihres Verhaltens.
Quelle: Kapp et al. (2019), Autism, 23(7), 1782–1792.
Stimming hat viele Gesichter
Wenn Menschen an Stimming denken, haben sie häufig bestimmte Bilder vor Augen, etwa flatternde Hände oder deutliches Schaukeln des Oberkörpers. Beides kann Stimming sein. Die Bandbreite ist allerdings erheblich größer.
Manche Menschen bewegen ihre Finger in bestimmten Mustern, reiben ihre Hände aneinander oder spielen mit Schmuckstücken. Andere wippen mit den Füßen, bewegen ihre Beine oder gehen wiederholt auf und ab. Stimming kann auch hörbar sein, beispielsweise durch Summen, wiederholte Laute oder bestimmte Geräusche. Andere Formen betreffen die Wahrnehmung von Berührungen. Manche Menschen streichen immer wieder über bestimmte Oberflächen, kneten Stoff oder suchen gezielt angenehme Materialien.
Nicht jede dieser Bewegungen ist automatisch ein Zeichen von Stress. Ein Mensch kann mit den Händen flattern, weil er sich freut. Jemand kann schaukeln, weil die Bewegung angenehm ist. Und ein Fuß kann wippen, während sein Besitzer gerade ausgesprochen konzentriert zuhört.
Das ist für mich ein wichtiger Gedanke. Denn wir neigen dazu, Körpersprache zu interpretieren, als hätten wir alle dasselbe Wörterbuch dafür bekommen. Wer wegschaut, ist unaufmerksam. Wer mit den Füßen wippt, ist nervös. Wer sich bewegt, kann offenbar nicht stillsitzen. Dabei wissen wir häufig überhaupt nicht, welche Funktion eine Bewegung für den betreffenden Menschen erfüllt. Vielleicht sollten wir etwas seltener interpretieren und etwas häufiger nachfragen.
Warum eine Hochzeit Stimming verstärken kann
Eine Hochzeit ist ein außergewöhnlicher Tag. Selbst Menschen, die sich normalerweise in größeren Gesellschaften wohlfühlen, können dabei ziemlich aufgeregt sein. Es gibt Musik, Stimmen, Gerüche und Berührungen. Dazu kommen ungewohnte Kleidung, emotionale Begegnungen und zahlreiche Erwartungen. Und natürlich gibt es die besondere Situation, dass plötzlich viele Menschen gleichzeitig auf zwei Personen achten.
Für Menschen mit sensorischen Besonderheiten kann diese Kombination herausfordernd sein. Vielleicht fühlt sich der Stoff des Hochzeitsoutfits unangenehm an, das Licht ist zu grell oder durch Stimmengewirr und Hintergrundmusik entstehen mehr Eindrücke, als sich angenehm verarbeiten lassen. Auch der Ablauf kann eine Rolle spielen. Beim Getting Ready herrscht möglicherweise hektische Betriebsamkeit. Anschließend beginnt eine längere Wartezeit. Dann folgt die Trauung, bei der plötzlich alle Augen auf das Paar gerichtet sind.
Stimming kann in solchen Situationen helfen, mit der Anspannung oder den Sinneseindrücken umzugehen. Dabei ist es wichtig, nicht automatisch davon auszugehen, dass eine stärkere Bewegung auch eine stärkere Überforderung bedeutet. Vielleicht wippt ein Mensch während der Trauung mit den Füßen, weil er sich aufgeregt freut. Vielleicht bewegt er seine Hände, weil gerade ein emotionaler Moment besonders intensiv ist. Und möglicherweise erlebt er die Zeremonie gerade sehr bewusst. Das lässt sich von außen nicht zuverlässig erkennen.
Muss Stimming während einer freien Trauung verhindert werden?
In vielen Fällen gibt es dafür überhaupt keinen Grund. Wenn eine Bewegung angenehm ist, bei der Selbstregulation hilft und niemandem schadet, weshalb sollten wir sie unterbinden? Nur weil sie nicht dem entspricht, was wir auf klassischen Hochzeitsbildern erwarten? Ich finde, das wäre ein ziemlich schwaches Argument.
Eine freie Trauung soll schließlich Raum für die Persönlichkeit des Paares schaffen. Dazu gehören auch Verhaltensweisen, die andere Menschen möglicherweise ungewohnt finden. Wenn du während deiner Trauung deinen Ring drehst, darfst du deinen Ring drehen. Wenn dein Fuß wippt, muss ich deswegen nicht sofort einen Beruhigungstee organisieren.
Vielleicht möchtest du einen Gegenstand in der Hand halten, sitzt lieber auf einer bestimmten Art von Stuhl oder brauchst zwischendurch etwas Bewegung. Darüber können wir sprechen. Denn meine Aufgabe als freie Rednerin besteht darin, eine Zeremonie zu gestalten, in der ihr euch wohlfühlen könnt. Und falls wir dafür einen Ablauf verändern müssen, ist das keine Katastrophe, sondern individuelle Planung.
Wann Stimming tatsächlich zum Problem werden kann
So wichtig Akzeptanz ist, so wenig sinnvoll wäre es, Stimming grundsätzlich zu romantisieren. Es gibt repetitive Verhaltensweisen, die Schmerzen verursachen oder zu Verletzungen führen können. Andere werden von den betreffenden Menschen selbst als belastend erlebt. Auch unterschiedliche Bedürfnisse können miteinander kollidieren.
Vielleicht hilft einer Person ein wiederkehrendes Klickgeräusch bei der Regulation. Gleichzeitig reagiert der Partner besonders empfindlich auf genau dieses Geräusch. Dann haben wir zwei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die beide ernst genommen werden müssen.
Eine pauschale Forderung, sämtliche Stims jederzeit zu akzeptieren, hilft in einer solchen Situation ebenso wenig wie die Aufforderung, einfach damit aufzuhören. Entscheidend ist, gemeinsam herauszufinden, welche Möglichkeiten bestehen. Vielleicht gibt es eine geräuschlose Alternative, die ähnlich angenehm ist. Vielleicht lässt sich die Situation verändern oder es braucht eine andere Form der Regulation.
Bei selbstverletzendem oder stark belastendem Stimming kann fachliche Unterstützung sinnvoll sein. Dann sollten Funktion, mögliche Auslöser und sichere Alternativen mit entsprechend qualifizierten Fachpersonen betrachtet werden. Eine freie Rednerin ersetzt selbstverständlich keine medizinische oder therapeutische Begleitung. Aber ich kann dafür sorgen, dass eure Zeremonie keine unnötigen zusätzlichen Belastungen erzeugt.
Wie wir Stimming bei der Hochzeitsplanung berücksichtigen können
Ich finde, über individuelle Bedürfnisse sollte genauso selbstverständlich gesprochen werden wie über Musik, Rituale oder den Einzug. Dafür braucht es keine Diagnose und keinen ausführlichen medizinischen Lebenslauf. Mich interessiert, was euch hilft.
Vielleicht gibt es bestimmte Situationen, in denen du besonders viel Bewegung brauchst. Vielleicht hast du einen Gegenstand, den du gerne in der Hand hältst, oder weißt bereits, dass langes Sitzen für dich unangenehm ist. Dann können wir das berücksichtigen. Und wenn du noch gar nicht genau weißt, was du an deinem Hochzeitstag brauchen wirst, können wir gemeinsam überlegen, welche Situationen möglicherweise herausfordernd werden.
Vor der Trauung: Bewegung statt dekorativem Herumstehen
Manche Menschen profitieren davon, sich vor einer aufregenden Situation zu bewegen. Vielleicht möchtest du noch einen Spaziergang machen, ein paar Minuten auf und ab gehen oder dich in einem ruhigen Bereich zurückziehen. Dann wäre es wenig sinnvoll, dich bereits eine halbe Stunde vor der Trauung in ein Zimmer zu setzen, in dem du möglichst still auf deinen großen Auftritt warten sollst.
Wir können den Ablauf so gestalten, dass du erst dann bereitstehen musst, wenn es tatsächlich notwendig ist. Dabei hilft eine klare Absprache mit den Menschen, die an der Organisation beteiligt sind. Manchmal liegt die beste Lösung tatsächlich nicht in der Zeremonie selbst, sondern in den zwanzig Minuten davor.
Während der Trauung: Sitzen, Stehen und Bewegung
Es gibt keine Vorschrift, die besagt, dass ein Paar während einer freien Trauung eine bestimmte Körperhaltung einnehmen muss. Ihr könnt sitzen, stehen oder zwischendurch die Position wechseln. Vielleicht ist ein Stuhl mit angenehmer Sitzfläche hilfreich. Vielleicht möchtest du lieber stehen, weil du dich dabei freier bewegen kannst, oder es ist angenehmer, wenn du während eines bestimmten Abschnitts aufstehen darfst.
All das lässt sich im Ablauf berücksichtigen. Und wenn du während der Trauung mit den Füßen wippst, dann ist das halt einfach so. Manchmal ist die beste Unterstützung, etwas einfach selbstverständlich sein zu lassen.
Beim Eheversprechen: Hände frei für die eigenen Worte
Das Eheversprechen ist ein besonders emotionaler Moment. Viele Menschen haben dazu ein festes Bild im Kopf: Zwei Menschen stehen einander gegenüber, halten sich an den Händen und schauen sich tief in die Augen. Wunderschön, wenn das für euch funktioniert.
Vielleicht fällt es dir aber leichter, deine Gedanken zu sortieren, wenn deine Hände frei sind. Vielleicht möchtest du deine Worte ablesen oder brauchst einen kleinen Gegenstand, den du währenddessen bewegen kannst. Dann planen wir das so. Ein Eheversprechen wird schließlich nicht dadurch bedeutungsvoller, dass beide Menschen ihre Hände möglichst ruhig halten. Es geht um die Worte und um das, was sie für euch bedeuten.
Nach der Trauung: Bewegung und Rückzug ermöglichen
Nach einer Trauung folgt häufig die Gratulationsrunde. Viele Menschen möchten euch umarmen, etwas sagen oder kurz eure Aufmerksamkeit bekommen. Für manche Paare ist das einer der schönsten Momente des Tages, für andere wird es schnell anstrengend.
Vielleicht braucht jemand nach der Zeremonie zunächst Bewegung oder einige Minuten Ruhe. Dann können wir die Gratulationen anders organisieren. Vielleicht verlassen zunächst die Gäste den Zeremoniebereich, während ihr noch einen Moment zurückbleibt und anschließend dazukommt. Vielleicht gibt es einen kurzen Spaziergang, bevor der Empfang beginnt. Oder eure Trauzeug*innen wissen bereits, dass ihr nach der Zeremonie einige Minuten für euch braucht.
Solche Lösungen lassen sich freundlich gestalten, ohne dass die gesamte Hochzeitsgesellschaft eine Erklärung über Neurodivergenz bekommt.
Kleine Gadgets, die bei Stimming hilfreich sein können
Manchmal braucht es keine Veränderung des Ablaufs, sondern lediglich einen Gegenstand, der sich angenehm anfühlt. Die Auswahl ist inzwischen groß. Allerdings ist nicht jedes Produkt für jeden Menschen geeignet. Ein Gegenstand, der für einen Menschen beruhigend wirkt, kann für einen anderen unangenehm sein. Deshalb würde ich solche Hilfsmittel unbedingt vor der Hochzeit ausprobieren.
Fidget-Ringe
Fidget-Ringe besitzen beispielsweise ein drehbares Element, das mit den Fingern bewegt werden kann. Sie können eine unauffällige Möglichkeit bieten, die Hände zu beschäftigen. Besonders praktisch ist, dass sie jederzeit verfügbar sind.
Allerdings sollte der Ring angenehm sitzen und sich leicht bewegen lassen. Ein schwergängiger oder kratzender Ring kann mehr stören als helfen. Vielleicht gibt es sogar ein Schmuckstück, das ohnehin zu deinem Hochzeitsoutfit gehört.
Handschmeichler und kleine Steine
Ein glatter Stein, ein kleines Holzstück oder ein anderer angenehm geformter Gegenstand kann eine hilfreiche Beschäftigung für die Hände bieten. Manche Menschen mögen glatte Oberflächen, andere bevorzugen eine deutlich spürbare Struktur.
Vielleicht besitzt du bereits einen Gegenstand, den du gerne berührst. Dann wäre es ziemlich unnötig, ausgerechnet für die Hochzeit ein neues Produkt zu kaufen. Ein vertrauter Gegenstand kann schließlich mehr bedeuten als ein speziell vermarktetes Hilfsmittel.
Fidget-Cubes und andere bewegliche Gegenstände
Fidget-Cubes besitzen unterschiedliche Elemente zum Drücken, Drehen oder Schieben. Sie können verschiedene sensorische Reize anbieten und dadurch für manche Menschen angenehm sein.
Allerdings erzeugen einige Modelle Klickgeräusche. Das sollte berücksichtigt werden, wenn beispielsweise der Partner empfindlich auf wiederkehrende Geräusche reagiert. Für die Trauung könnte ein geräuschloses Modell sinnvoller sein.
Strukturierte Stoffe oder kleine Stoffstücke
Manche Menschen mögen es, bestimmte Materialien zwischen den Fingern zu reiben. Vielleicht ist das ein weiches Stoffstück, eine bestimmte Naht oder eine Oberfläche mit angenehmer Struktur. Ein kleines Stück Stoff kann unauffällig in einer Tasche aufbewahrt werden.
Vielleicht lässt sich sogar ein Stück Stoff aus einem Kleidungsstück mit persönlicher Bedeutung verwenden. Das wäre dann nicht nur praktisch, sondern könnte eine schöne Verbindung zu eurer Geschichte schaffen.
Bewegliche Sitzmöglichkeiten
Manche Menschen empfinden es als angenehm, während des Sitzens leichte Bewegungen auszuführen. Dafür gibt es beispielsweise dynamische Sitzkissen. Allerdings sollte eine solche Sitzhilfe vorher getestet werden. Nicht jede Person empfindet instabile Sitzflächen als angenehm.
Vielleicht reicht bereits ein normaler Stuhl, auf dem du deine Beine frei bewegen kannst. Die beste Lösung muss nicht unbedingt aus dem Spezialhandel kommen.
Wenn Stimming und andere Bedürfnisse aufeinandertreffen
Ein besonders interessanter Punkt entsteht dort, wo unterschiedliche Bedürfnisse miteinander kollidieren. Stell dir vor, eine Person reguliert sich durch rhythmisches Klopfen. Gleichzeitig reagiert der Partner empfindlich auf wiederkehrende Geräusche. Das kann beispielsweise bei Misophonie eine Rolle spielen.
Jetzt wäre es wenig hilfreich, einem der beiden Menschen einfach zu erklären, dass er sich anpassen müsse. Viel sinnvoller ist es, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Vielleicht funktioniert eine geräuschlose Bewegung genauso gut, vielleicht kann ein anderer Gegenstand genutzt werden oder es gibt Situationen, in denen das Klopfen überhaupt nicht stört.
Manchmal braucht es eine klare Absprache darüber, wann welche Bedürfnisse besonders wichtig sind. Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Und genau deshalb halte ich das persönliche Gespräch für so wertvoll. Denn eine gute Lösung muss für die Menschen funktionieren, die tatsächlich betroffen sind.
Was Fotograf und andere Hochzeitsdienstleister wissen sollten
Auch die Menschen, die eure Hochzeit begleiten, können dazu beitragen, dass ihr euch wohlfühlt. Fotograf beispielsweise sollten wissen, wenn bestimmte Bewegungen für euch selbstverständlich sind. Dann muss niemand ständig versuchen, eure Körperhaltung zu korrigieren.
Vielleicht möchtet ihr bestimmte Bewegungen bewusst auf Bildern festhalten. Vielleicht ist euch das völlig egal oder es gibt Aufnahmen, die ihr lieber vermeiden möchtet. Darüber kann vorher gesprochen werden.
Auch DJs und Locations können helfen, wenn es um Lautstärke, Beleuchtung oder Rückzugsmöglichkeiten geht. Dabei müssen nicht sämtliche Dienstleister eure Diagnose kennen. Oft reicht es, konkrete Wünsche zu kommunizieren: „Bitte keine überraschenden Lichtwechsel während der Trauung“, „Wir möchten nach der Zeremonie einige Minuten Ruhe“ oder „Während des Essens wünschen wir uns eine zurückhaltende Lautstärke“.
Das sind klare, verständliche Absprachen. Und sie lassen sich umsetzen, ohne dass irgendjemand eine medizinische Erklärung benötigt.
Stimming und Masking: Wenn Menschen ihre Bewegungen unterdrücken
Viele neurodivergente Menschen haben über Jahre gelernt, bestimmte Verhaltensweisen zu unterdrücken. Vielleicht haben sie häufig gehört, dass sie stillsitzen sollen, nicht mit den Händen spielen dürfen oder dass bestimmte Bewegungen unhöflich oder merkwürdig wirken.
Wer solche Rückmeldungen immer wieder bekommt, beginnt möglicherweise, die eigenen Bewegungen bewusst zu kontrollieren. Das kann Teil von Masking sein, also dem Verbergen neurodivergenter Eigenschaften, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen.
Die Forschung zu Stimming zeigt, dass soziale Ablehnung für viele Betroffene eine wichtige Rolle spielt. Und das finde ich für Hochzeiten besonders relevant. Denn ausgerechnet an einem Tag, der voller Emotionen und Sinneseindrücke steckt, sollen Menschen möglicherweise besonders kontrolliert wirken.
Dabei könnte gerade dieser Tag eine Gelegenheit sein, auf unnötige Anpassung zu verzichten. Das bedeutet allerdings nicht, dass jemand verpflichtet wäre, sämtliche Stims öffentlich zu zeigen. Auch das wäre wieder eine Erwartung. Entscheidend ist, dass die betreffende Person selbst entscheiden kann, welche Verhaltensweisen sie zeigen möchte und welche nicht.
Warum Stimming für mich ins Traugespräch gehört
Wenn ich ein Paar kennenlerne, möchte ich verstehen, was die beiden Menschen ausmacht. Ich interessiere mich für ihre Geschichte, ihre Eigenheiten und dafür, wie sie miteinander umgehen. Dazu gehören selbstverständlich auch Bedürfnisse, die bei der Gestaltung einer Zeremonie wichtig werden können.
Vielleicht erzählt mir jemand, dass langes Sitzen schwierig ist, bestimmte Geräusche unangenehm sind oder eine Person Bewegung braucht, wenn sie aufgeregt ist. Dann sprechen wir darüber. Nicht, weil ich daraus ein Problem machen möchte, sondern weil wir gemeinsam überlegen können, wie sich eure Trauung angenehm gestalten lässt.
Vielleicht finden wir einen Gegenstand, der während der Zeremonie in der Hand gehalten werden kann, verändern die Sitzordnung oder den Ablauf oder vereinbaren eine kleine Pause. Und manchmal stellen wir fest, dass überhaupt nichts verändert werden muss. Auch das ist eine wunderbare Lösung. Denn nicht jede Eigenheit braucht eine besondere Maßnahme. Manchmal reicht es vollkommen, wenn niemand versucht, sie zu korrigieren.
Für wen planen wir eigentlich unsere Hochzeiten?
Je länger ich mich mit neurodiversen Hochzeiten beschäftige, desto häufiger fällt mir ein merkwürdiger Widerspruch auf. Wir wünschen uns individuelle Hochzeiten, persönliche Rituale, außergewöhnliche Einzüge und Zeremonien, die wirklich zum Paar passen. Gleichzeitig existieren erstaunlich feste Vorstellungen davon, wie sich ein Brautpaar während dieser Zeremonie verhalten sollte.
Es soll ruhig sitzen, aufmerksam schauen, im richtigen Moment emotional werden und möglichst wenig von der erwarteten Körpersprache abweichen. Dabei frage ich mich manchmal, für wen wir diese Regeln eigentlich aufgestellt haben. Für das Paar oder für die Menschen, die zuschauen?
Natürlich möchten Gäste einen besonderen Moment erleben. Und selbstverständlich sollen Fotograf schöne Bilder machen können. Aber irgendwann müssen wir uns doch fragen, weshalb ein Mensch ausgerechnet an seinem Hochzeitstag zusätzliche Energie darauf verwenden sollte, seine natürlichen Bewegungen zu kontrollieren. Nur damit das Bild unseren Erwartungen entspricht?
Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, weshalb wir überhaupt eine freie Trauung gestalten. Weil zwei Menschen ihre Liebe auf ihre eigene Weise feiern möchten. Und diese beiden Menschen kommen nun einmal mit einem echten Körper, mit echten Bedürfnissen und manchmal mit Bewegungen, die sich nicht an die Vorstellungen einer Hochzeitszeitschrift halten.
Ich finde, damit sollten wir umgehen können. Eine freie Trauung ist schließlich keine Prüfung in vorbildlicher Körperbeherrschung. Und ich habe noch nie erlebt, dass ein Eheversprechen weniger wertvoll geworden ist, weil dabei ein Fuß gewippt hat.
Wenn der Körper mitfeiert, darf er das auch zeigen
Vielleicht liegt darin für mich einer der schönsten Gedanken zum Thema Stimming. Wir sprechen bei Hochzeiten ständig darüber, wie sehr uns Gefühle bewegen. Wir sind gerührt, aufgeregt, überwältigt und glücklich. Und wenn diese Gefühle dann tatsächlich Bewegung auslösen, soll plötzlich möglichst alles stillstehen? Das erscheint mir doch etwas widersprüchlich.
Vielleicht brauchen wir einen anderen Blick auf solche Momente. Wenn jemand während der Trauung mit den Fingern spielt, muss das keine Nervosität sein. Wenn ein Fuß wippt, bedeutet das nicht automatisch Unruhe. Und wenn sich jemand leicht hin und her bewegt, sagt das zunächst wenig darüber aus, wie aufmerksam diese Person gerade ist. Vielleicht hilft genau diese Bewegung dabei, den Moment bewusst zu erleben.
Natürlich können wir nicht jede Bewegung von außen verstehen. Das müssen wir auch gar nicht. Wir dürfen fragen, zuhören und gemeinsam überlegen, was hilfreich ist. Und wenn eine Anpassung notwendig wird, finden wir eine Lösung.
Denn eure Hochzeit soll sich nach euch anfühlen. Auch dann, wenn sich dabei etwas bewegt.
Ihr möchtet eine freie Trauung, bei der ihr euch nicht verstellen müsst? Dann lasst uns kennenlernen und gemeinsam herausfinden, wie eure Zeremonie aussehen kann.
Hier geht es zu unserem Kennenlerngespräch.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Informationen
Kapp, S. K., Steward, R., Crane, L., Elliott, D., Elphick, C., Pellicano, E. & Russell, G. (2019): ‘People should be allowed to do what they like’: Autistic adults’ views and experiences of stimming. Autism, 23(7), 1782–1792.
Qualitative Untersuchung mit 32 autistischen Erwachsenen zu den Funktionen von Stimming, persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlicher Akzeptanz.
https://doi.org/10.1177/1362361319829628
National Autistic Society: Stimming and repetitive behaviours.
Informationen zu wiederholten Bewegungen, möglichen Funktionen und dem Umgang mit belastenden oder selbstverletzenden Verhaltensweisen.
https://www.autism.org.uk/advice-and-guidance/topics/behaviour/stimming
Hinweis: Die beschriebenen Hochzeitstipps und Hilfsmittel sind praktische Anpassungsmöglichkeiten. Ihre Wirksamkeit speziell bei Hochzeiten ist nicht durch entsprechende Studien belegt. Entscheidend ist, was die betreffende Person selbst als hilfreich erlebt.
