Queere Trauung: Warum interessiert uns eigentlich, wie andere Menschen lieben?

Mal ehrlich.

Wir akzeptieren jeden Tag, dass Menschen völlig unterschiedlich leben. Die einen trinken Kaffee schwarz, die anderen mit Hafermilch. Manche verbringen ihren Urlaub im Zelt, andere buchen ein Fünf-Sterne-Hotel. Einige essen Ananas auf der Pizza.

Wir zucken mit den Schultern und denken: Nicht meins. Aber wenn’s dich glücklich macht.

Bei Liebe klappt das seltener. Da haben plötzlich alle eine Meinung. Da wird kommentiert, bewertet, verglichen. Da wird aus einem „nicht meins“ schnell ein „so aber auch nicht“. Besonders laut wird es, sobald es um eine queere Trauung, eine gleichgeschlechtliche Hochzeit oder irgendein Beziehungsmodell geht, das nicht in die klassische Schablone passt.

Warum eigentlich?

Ein Blick in die Bibel, aber bitte mit Kontext

Wenn man in Deutschland fragt, woher unsere Vorstellungen von richtiger Liebe kommen, landet man ziemlich schnell bei der Bibel. Auch wenn viele von uns gar nicht mehr sonntags in die Kirche gehen, die Werte sitzen tief. Zweitausend Jahre christliche Prägung verschwinden nicht, nur weil wir das Kirchensteuerformular abgegeben haben.

Der Klassiker steht im dritten Buch Mose, Kapitel 18, Vers 22: Du sollst nicht bei einem Manne liegen wie bei einer Frau. Klingt eindeutig. Wird bis heute zitiert, wenn es darum geht, gleichgeschlechtliche Liebe abzulehnen.

Nur: Wer diesen Satz heute liest, ohne den Kontext zu kennen, versteht ihn nicht.

Das Buch Levitikus ist ein Regelbuch. Es entstand vermutlich zwischen dem 6. und 5. Jahrhundert vor Christus, in einer Zeit, in der das jüdische Volk um sein Überleben rang. Exil, Vertreibung, permanente Bedrohung. Eine kleine Gemeinschaft, umgeben von größeren Nachbarvölkern, die sie kulturell und körperlich zu verschlucken drohten.

In so einer Situation schreibt man keine Ratgeber für Selbstverwirklichung. Man schreibt Überlebensregeln. Und die wichtigste Überlebensregel lautet: Wir müssen mehr werden.

Direkt daneben stehen übrigens Verbote, die heute niemand mehr ernst nimmt. Kein Mischgewebe. Keine Schalentiere. Keine Tätowierungen. Frauen sind nach der Geburt eines Mädchens doppelt so lange unrein wie nach der Geburt eines Jungen. Wer selektiv beim Vers gegen gleichgeschlechtliche Liebe stehenbleibt, aber gestern Garnelen gegessen und einen Baumwoll-Polyester-Pulli angezogen hat, sollte sich fragen, warum eigentlich.

Queere Trauung Bibelauszug 1. Johannes 4,8
1. Johannes 4,8: „Gott ist Liebe." Drei Worte. Keine Ausnahmen.

Seid fruchtbar und mehret euch

Der andere biblische Bestseller-Satz steht ganz vorne, im ersten Buch Mose: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde.

Auch das ergibt Sinn, wenn man weiß, wann das entstanden ist. Die Erde war ziemlich leer. Kindersterblichkeit lag bei jedem zweiten oder dritten Kind. Die durchschnittliche Lebenserwartung schwankte irgendwo zwischen dreißig und vierzig Jahren. Jeder Mensch, der geboren wurde und überlebte, war ein Gewinn für die Gruppe.

Springen wir ein paar Jahrhunderte weiter. Nach jedem großen Krieg das gleiche Muster. Ganze Männergenerationen ausgelöscht. Frauenüberschuss. Wer nach 1918 oder 1945 in Deutschland aufwuchs, kannte das Bild: mehr Frauen als Männer, Trümmerfrauen, alleinerziehende Mütter, offene Fragen. Wie geht es weiter? Wer arbeitet? Wer versorgt die Kinder?

In diesen Zeiten war die klassische Ehe: Mann, Frau, viele Kinder nicht Ausdruck eines göttlichen Plans. Sie war die Antwort auf eine demografische Notlage. Sie war praktisch. Sie war notwendig.
Und daraus ist ein Ideal geworden. Ein Ideal, das nicht mehr in unsere Zeit passt.

Wir sind ungefähr acht Milliarden

Das soll jetzt bitte kein Aufruf zur Geburtenkontrolle werden. Wer Kinder will, soll Kinder bekommen. Wer Familie liebt, soll Familie leben. Ich habe als Traurednerin genug Hochzeiten begleitet, um zu wissen, wie schön es ist, wenn Menschen sich für ein gemeinsames Leben entscheiden – mit oder ohne Kinder, klassisch oder als queere Trauung, mit Familie im Rücken oder mit Wahlfamilie an der Seite.

Aber die Grundbedingungen haben sich geändert.

Die Menschheit steht nicht mehr vor der Frage, wie sie überlebt, indem sie mehr wird. Wir stehen vor der Frage, wie wir zusammenleben, ohne uns gegenseitig fertigzumachen. Wie wir mit dem Planeten umgehen. Wie wir mit Menschen umgehen, die anders sind als wir. Wie wir Gemeinschaft neu denken.
Die alten Regeln beantworten die neuen Fragen nicht.

Und trotzdem hängen wir an ihnen. Nicht, weil sie logisch sind. Sondern weil sie vertraut sind. Weil Oma und Opa das so gemacht haben. Weil es sich richtig anfühlt, wenn Dinge so laufen, wie wir sie kennen.
Das ist menschlich. Aber es ist auch bequem.

Woher dieser Reflex kommt

Es gibt einen ganz einfachen psychologischen Mechanismus, der uns immer wieder in die Quere kommt: Wir mögen es, wenn andere Menschen so ticken wie wir. Das gibt uns Sicherheit. Wenn alle um mich herum so leben wie ich, muss ich mich nicht rechtfertigen. Muss meine eigenen Entscheidungen nicht hinterfragen.

Sobald jemand anders lebt, kommt eine leise Frage: Warum machen die das so? Und – Moment – mache ich es dann vielleicht falsch?

Diese Frage tut weh. Also lieber schnell wegschieben. Lieber sagen: Das ist nicht normal. Lieber urteilen. Lieber die Grenze verteidigen.

Bei Kaffee funktioniert das schon nicht so gut. Bei Liebe funktioniert es überhaupt nicht. Weil Liebe für uns alle ein Thema ist. Wer da anders lebt, kratzt an allgemeinen Verständnis von dem, was angeblich echt und schön und richtig ist.

Und dann kommt der zweite Effekt dazu: die Prägung. Wer aufgewachsen ist mit dem Bild Mann liebt Frau, sie heiraten, sie bekommen Kinder, sie bleiben zusammen bis zum Tod – der hat dieses Bild im Kopf, ob er will oder nicht. Auch wenn er selbst geschieden ist. Auch wenn er selbst nie geheiratet hat. Auch wenn seine beste Freundin lesbisch ist und die glücklichste Beziehung führt, die er kennt.
Prägung sitzt tief, bei manchen sogar tiefer als die eigene Meinung und Erfahrung.

Was Nächstenliebe eigentlich bedeutet

Wenn wir schon bei der Bibel sind, dann bitte auch bei dem Teil, der wirklich das Herz der Sache trifft. Jesus, gefragt nach dem wichtigsten Gebot, antwortet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Kein Sternchen. Kein außer, wenn der Nächste einen Mann liebt. Kein außer, wenn die Nächste zwei Partner hat. Kein außer, wenn du das Zölibat oder die Ehe oder die Beziehung deines Nachbarn komisch findest.
Einfach: Liebe deinen Nächsten. Wie dich selbst.

Und noch ein Satz aus dem Neuen Testament, den die queere Community zu Recht für sich entdeckt hat: Gott ist Liebe. Steht im ersten Johannesbrief, Kapitel 4, Vers 8. Drei Worte. Keine Bedingungen. Keine Ausnahmen. Keine Geschlechterordnung, keine Erlaubnisliste, keine kleingedruckte Fußnote.

Wer diesen Satz ernst nimmt, muss sich fragen: Wenn Gott Liebe ist – wie kann dann Liebe je das Falsche sein?

Die Menschen, die ihre Ablehnung gleichgeschlechtlicher Beziehungen mit der Bibel begründen, zitieren fast immer aus dem Alten Testament. Aus Levitikus. Aus den Regelbüchern einer Wüstengesellschaft. Selten aus den Worten, die Jesus selbst gesagt hat. Und noch seltener aus diesem einen kurzen, unerschütterlichen Satz: Gott ist Liebe.
Vielleicht liegt das daran, dass er so schwer zu widerlegen ist.

Wenn wir uns selbst wirklich lieben, wissen wir, wie wichtig es ist, geliebt zu werden, wie man ist. Nicht wie man sein sollte. Nicht wie es für andere besser aussieht auf dem Familienfoto. Sondern wie man wirklich ist. Mit allen schrägen Vorlieben und komischen Angewohnheiten und der Liebe zu genau diesem einen Menschen.

Wer das für sich selbst braucht, sollte es auch geben können.

Was wäre, wenn wir einfach die richtige Frage stellen würden

Ich habe in den letzten Jahren viele Paare getraut. Sehr klassische. Sehr unklassische. Heteropaare, gleichgeschlechtliche Paare, Menschen, die sich beim Onlinespiel verliebt haben, Menschen, die sich über zwanzig Jahre lang kannten, bevor sie sich getraut haben, es Liebe zu nennen. Queere Menschen, Menschen mit besonderen Hobbys, Menschen die zusammen einen Hund erzogen haben. Menschen, die aus zwei komplett verschiedenen Kulturen kommen und zusammen eine ganz eigene für sich aufgebaut haben.
Keine dieser Geschichten war wie die andere. Und das ist genau der Punkt.

Liebe ist nicht dafür da, in unsere Vorstellungen zu passen. Sie ist dafür da, Menschen glücklich zu machen.

Vielleicht wäre es einfach, wenn wir uns diese eine Frage angewöhnen würden jedes Mal, wenn wir merken, dass wir gerade urteilen wollen:

Macht diese Liebe die Menschen glücklich?

Wenn die Antwort Ja ist, ist alles andere eigentlich gar nicht unser Thema.
Nicht die Frage, wer wen liebt. Nicht die Frage, wie viele es sind. Nicht die Frage, ob es unseren Vorstellungen entspricht. Nicht die Frage, was Oma dazu gesagt hätte.

Nur diese eine Frage. Und wenn die Antwort Ja ist, dürfen wir mit den Schultern zucken und uns freuen. Für andere. Für uns. Für eine Welt, in der Menschen einander die Liebe gönnen, die sie brauchen.

Queere Trauung, freie Trauung, Liebe in allen Farben

Heute ist CSD in Köln. Ein Tag, an dem Menschen feiern, wen sie lieben.
Und eigentlich wünsche ich mir, dass es dafür irgendwann keinen besonderen Tag mehr braucht. Weil es dann einfach normal wäre.

Nicht, weil ich links oder woke oder was auch immer bin. Sondern weil ich mich frage, warum wir Energie darauf verschwenden, uns gegenseitig vorzuschreiben, wen wir lieben dürfen, wo wir doch alle nur ein Leben haben und der Weltfrieden davon abhängt, dass wir gut miteinander umgehen.

Der eigentliche Skandal ist nicht, dass zwei Männer heiraten oder zwei Frauen ein Kind bekommen oder drei Menschen eine gemeinsame Wohnung teilen. Der eigentliche Skandal ist, dass wir immer noch darüber diskutieren, ob das okay ist. Während gleichzeitig Kriege geführt werden. Während Menschen einsam sterben. Während Kinder ohne Liebe aufwachsen.

Wenn zwei Menschen sich lieben, egal in welcher Konstellation, egal in welchem Geschlecht, egal in welcher Form, dann ist das kein Problem, das gelöst werden muss. Das ist ein Geschenk an eine Welt, die dringend mehr Liebe braucht.

Als freie Traurednerin ist es für mich selbstverständlich, Paare aller Konstellationen zu begleiten. Eine queere Trauung ist keine Sonderleistung, keine Ausnahme, kein Extraprogramm. Es ist eine Hochzeit. Mindestens zwei Menschen, die sich lieben, feiern das vor den Menschen, die ihnen wichtig sind. Fertig.

Zum Schluss

Wir dürfen die Ansprüche unserer Urgroßeltern nicht als göttlichen Plan verwechseln. Wir dürfen historische Notwendigkeiten nicht als ewige Wahrheiten verkaufen. Wir dürfen uns fragen, ob unsere Gedanken noch zu unserer Zeit passen.

Und wir dürfen uns dazu entscheiden, freundlicher zu werden. Toleranter. Neugieriger. Wärmer.

Die Frage, wie andere Menschen lieben, ist nicht unser Thema.
Die Frage, wie wir miteinander leben wollen, sehr wohl.

Und ich bin überzeugt: Eine Welt, in der Menschen sich gegenseitig ihre Liebe gönnen, ist eine bessere Welt. Für alle. Auch für die, die Ananas auf die Pizza machen.

Falls du heute auf dem CSD unterwegs bist: hab einen wunderbaren Tag voller Begegnungen, Freude und Menschen, die dich genauso mögen, wie du bist. Und falls du gerade eine queere Trauung, eine gleichgeschlechtliche Hochzeit oder eine freie Trauung mit einer Rednerin planst, die euch so feiert,  wie ihr seid: Schreibt mir gern.

Du magst mehr von mir Lesen?
Dann schau doch auf meinem Blog vorbei.

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