Braucht es eine freie Trauung? Oder ist das die falsche Frage?
Vor ein paar Tagen habe ich eine Frage gestellt bekommen, die mich ein Weilchen beschäftigt hat. Kennt ihr das? Eigentlich liegt die Antwort auf der Hand, aber irgendwie merkt ihr: Da steckt mehr dahinter.
Versteht mich bitte nicht falsch. Es war keine hitzige Diskussion, kein Angriff. Einfach eine ehrliche Frage:
„Braucht man die Ehe eigentlich noch? Welchen konkreten Mehrwert hat sie heute überhaupt?“
Ich habe darüber nachgedacht. Und dann noch einmal. Nicht, weil ich keine Antwort hatte, sondern weil ich gemerkt habe, dass darin viel mehr steckt als eine Diskussion über das Heiraten.
Denn eigentlich begegnet uns diese Frage ständig.
Braucht man das wirklich?
Braucht man einen Garten?
Braucht man einen Hund? Oder in meinem Fall sogar gleich zwei.
Braucht man genau dieses Auto?
Diese Jacke?
Diese Schuhe?
Braucht man ein gutes Essen im Lieblingsrestaurant?
Natürlich nicht. Und trotzdem geben Menschen genau dafür Geld, Zeit und Aufmerksamkeit aus.
Warum also wird ausgerechnet bei Hochzeiten so häufig gefragt, ob sie überhaupt noch nötig sind?
Vielleicht, weil wir den Wert einer Sache immer häufiger daran messen, ob sie einen praktischen Nutzen hat. Ich glaube nur, dass wir damit manchmal an der falschen Stelle suchen.
Ein Blick zurück
Wenn wir über die Ehe sprechen, lohnt sich ein Blick zurück. Denn sie hat über Jahrhunderte eine ganz andere Aufgabe erfüllt als heute.
Sie hat Besitz geregelt, Erbfolgen gesichert, Familien miteinander verbunden und wirtschaftliche Existenzen geschützt. Liebe hat dabei durchaus eine Rolle gespielt. Oft war sie aber nicht der einzige Grund, warum zwei Menschen geheiratet haben.
Heute leben wir in einer völlig anderen Zeit.
Niemand muss heiraten, um mit dem Menschen zusammenzuleben, den er liebt. Niemand braucht eine Ehe, um gesellschaftlich akzeptiert zu werden. Frauen sind wirtschaftlich unabhängig. Paare können gemeinsame Kinder großziehen, ohne verheiratet zu sein. Vieles, was früher nur innerhalb einer Ehe möglich oder gesellschaftlich akzeptiert war, ist heute selbstverständlich.
Und genau deshalb finde ich die Ehe heute fast spannender als früher.
Sie ist keine Pflicht mehr. Sie ist eine Entscheidung.
Vielleicht liegt genau darin ihr größter Wert.
Denn Entscheidungen, die wir freiwillig treffen, erzählen oft mehr über uns als die, zu denen wir verpflichtet sind.
Natürlich gibt es bis heute ganz handfeste Gründe zu heiraten. Eine Ehe regelt vieles automatisch: Erbrecht, Unterhaltsansprüche, Versorgungsausgleich. Steuerliche Vorteile können eine Rolle spielen. Ehepartner haben Auskunftsrechte im Krankenhaus und viele rechtliche Fragen lösen sich einfacher als ohne Trauschein.
Das alles stimmt.
Und ich habe noch nie erlebt, dass ein Paar deshalb geheiratet hat. Zumindest nicht ausschließlich.
Ich stelle mir manchmal vor, wie ein Heiratsantrag aussehen würde, wenn genau das der einzige Grund wäre: „Du bist die Frau meines Lebens. Außerdem habe ich eine Excel-Tabelle vorbereitet. Schau mal, wie günstig unsere Steuerklasse werden könnte.“
Romantisch geht anders.
Die rechtlichen Vorteile erklären, warum eine Ehe sinnvoll sein kann. Sie erklären aber nicht, warum Menschen sie feiern.
Eigentlich sprechen wir über etwas ganz anderes
Je länger ich über die Frage nachgedacht habe, desto klarer wurde mir, dass wir eigentlich über etwas ganz anderes sprechen.
Nicht über die Ehe. Sondern über Rituale.
Der Mensch liebt Rituale. Und das Verrückte daran ist: Fast alle haben objektiv betrachtet keinen praktischen Nutzen.
Wir feiern Geburtstage, obwohl wir auch ohne Kerzen älter werden.
Wir stoßen mit einem Glas an, obwohl das Getränk danach genauso schmeckt wie vorher.
Wir feiern Schulabschlüsse, obwohl das Zeugnis längst unterschrieben ist.
Wir veranstalten Beerdigungen, obwohl ein Abschied den Tod nicht rückgängig macht.
Wenn man diese Dinge rein sachlich betrachtet, wirken sie fast überflüssig. Und trotzdem käme kaum jemand auf die Idee, sie abzuschaffen.
Warum?
Weil Rituale keine Probleme lösen. Sie geben Ereignissen Bedeutung.
Psychologen beschäftigen sich schon lange mit diesem Thema. Übergangsrituale helfen Menschen dabei, Veränderungen bewusst wahrzunehmen. Sie schaffen Orientierung. Sie geben unserem Gehirn einen Anfang und ein Ende. Sie machen aus einem Datum eine Erinnerung.
Vielleicht kennst du das selbst. An deinen letzten Geburtstag erinnerst du dich wahrscheinlich nicht deshalb, weil der Kalender plötzlich eine Zahl weitergesprungen ist. Du erinnerst dich an die Menschen, die da waren. An das Gespräch, das länger gedauert hat als geplant. An das Lachen. An die Überraschungen. Der Tag selbst bleibt nicht in Erinnerung. Es sind die vielen kleinen Momente.
Genau das können Rituale. Sie verändern nicht die Wirklichkeit. Sie verändern unseren Blick auf sie.
Vielleicht brauchen wir deshalb Rituale heute sogar mehr als früher.
Unser Alltag ist voll. Wir beantworten Nachrichten an der Supermarktkasse. Wir hören Podcasts doppelt so schnell. Wir essen unterwegs. Wir denken beim Feierabend schon an morgen. Alles soll effizient sein. Selbst Entspannung wird inzwischen optimiert.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir erleben unglaublich viel und nehmen erstaunlich wenig davon wirklich bewusst wahr.
Und genau deshalb berührt mich der Gedanke einer Hochzeit.
Nicht wegen des Kleides, der Blumen, der schönen Platzkarten oder gar der Torte. Sondern weil zwei Menschen für einen einzigen Tag sagen: Heute ist unsere Beziehung wichtiger als alles andere.
Das ist ein ziemlich mutiger Satz in einer Zeit, in der ständig etwas unsere Aufmerksamkeit haben möchte.
Und warum ausgerechnet eine freie Trauung?
An dieser Stelle könnte man natürlich einhaken und sagen: „Alles schön und gut. Aber dafür braucht es doch keine freie Trauung.“ Da würde ich sogar zustimmen. Nein, die braucht es nicht.
Genauso wenig, wie es einen Heiratsantrag braucht, um sich füreinander zu entscheiden. Oder einen Ring, um jemanden zu lieben. Man kann all das weglassen. Und weißt du was? Für manche Paare ist genau das der richtige Weg.
Ich finde nicht, dass jede Hochzeit groß sein muss. Ich finde auch nicht, dass jede Hochzeit emotional sein muss. Oder romantisch. Oder besonders ausgefallen. Ich finde nur, dass sie ehrlich sein sollte.
Wenn zwei Menschen sich im kleinen Kreis im Standesamt das Ja-Wort geben und anschließend mit ihren Lieblingsmenschen Pommes essen gehen, dann ist das für mich genauso eine Hochzeit wie eine freie Trauung unter alten Bäumen mit hundert Gästen.
Es geht nicht darum, wie geheiratet wird. Es geht darum, ob es sich nach den beiden Menschen anfühlt.
Vielleicht ist genau das das größte Geschenk unserer Zeit. Wir dürfen selbst entscheiden. Wir müssen keine Tradition erfüllen, die sich fremd anfühlt. Wir müssen niemanden beeindrucken. Wir dürfen kirchlich heiraten. Oder nur standesamtlich. Oder eben zusätzlich frei. Nicht weil es sich so gehört. Sondern weil es zu uns passt.
Und genau hier beginnt für mich die freie Trauung. Nicht als Veranstaltung. Nicht als Programmpunkt. Nicht als hübscher Rahmen zwischen Sektempfang und Abendessen. Sondern als eine ganz einfache Frage: Wenn eure Geschichte einzigartig ist, warum sollte ihre Erzählung klingen wie hundert andere?
Diesen Gedanken liebe ich. Denn in all den Jahren, in denen ich Paare begleiten durfte, habe ich etwas gelernt: Es gibt erstaunlich viele ähnliche Hochzeiten. Aber keine einzige ähnliche Liebesgeschichte.
Ich habe Paare kennengelernt, die sich beim Pen & Paper ineinander verliebt haben. Andere beim Online-Gaming. Im Karneval. Beim Spaziergang mit dem Hund. Im Hörsaal. Auf einem Festival. Oder genau in dem Moment, in dem sie mit Liebe eigentlich längst abgeschlossen hatten.
Jede dieser Geschichten hatte ihre eigenen (Um)wege. Ihre eigenen Running Gags. Ihre eigenen Zweifel. Ihre eigenen kleinen Wunder.
Warum also erzählen wir ausgerechnet an dem Tag, an dem es um diese Geschichte geht, eine Geschichte, die genauso gut auch zu einem anderen Paar passen könnte?
Vielleicht ist das der eigentliche Luxus einer freien Trauung. Sie erfindet nichts. Sie macht aus einer Beziehung kein Märchen. Sie überdeckt keine Risse. Sie verwandelt niemanden in einen besseren Menschen. Aber sie nimmt sich Zeit für das, was längst da ist.
Und genau das passiert im Alltag viel zu selten.
Wann erzählen wir unserem Lieblingsmenschen schon einmal in Ruhe, was wir an ihm lieben? Nicht zwischen Einkaufsliste und Waschmaschine. Nicht zwischen zwei Terminen. Sondern wirklich.
Wann hören Familie und Freunde eigentlich einmal, warum diese beiden Menschen genau zueinander passen? Wann wird aus all den kleinen Episoden des gemeinsamen Lebens eine Geschichte?
Ich glaube, genau deshalb berühren gute Zeremonien so sehr. Nicht weil sie Tränen produzieren. Sondern weil sie etwas sichtbar machen, das längst existiert.
Ich habe schon erlebt, dass Gäste nach einer Trauung zu mir gekommen sind und gesagt haben: „Jetzt verstehe ich die beiden noch einmal ganz anders.“ Oder dass Eltern plötzlich gelacht haben über Geschichten, die sie nie kannten. Oder dass ein Paar hinterher gesagt hat: „Eigentlich wussten wir das alles. Aber wir haben es lange nicht mehr so bewusst gesehen.“
Und genau da musste ich an den Kommentar meiner Followerin zurückdenken. Braucht man das? Nein. Natürlich nicht.
Man braucht auch keinen Abend mit guten Freunden. Keinen Spaziergang im Wald. Kein Lieblingslied. Keinen Sonnenuntergang. Das Leben funktioniert auch ohne all das.
Die eigentliche Frage lautet doch: Wie möchte ich leben? Möglichst effizient? Oder mit Momenten, an die ich mich noch in zwanzig Jahren erinnere?
Wenn euch dieser Gedanke angesprochen hat und ihr euch fragt, wie eure eigene freie Trauung aussehen könnte, dann lasst uns darüber sprechen.
Ich begleite Paare aus Brühl, Köln, Bonn und ganz NRW dabei, eine Zeremonie zu gestalten, die sich nicht nach fremden Erwartungen richtet, sondern nach ihnen selbst.
